Mr. Eko: „Wenn du nichts dagegen hast, würde ich gern am Anfang anfangen.“
Locke: (nickt)
Mr. Eko: „Lange vor der Geburt Christi herrschte im Königreich Juda ein Mann namens Joschija…“
Locke: „Wenn du sagst, dass du am Anfang anfängst, dann meinst du das auch so.“
(Dialogszene der Serie „Lost“, Ep. „Was Kate getan hat“)

Manchmal ist es notwendig, tatsächlich zurück an den Anfang zu gehen. Die Vorfälle in Medvegia, Kisolova und auch davor waren keineswegs das erste Vorkommnis von (vermuteten) Vampir Aktivitäten. Das aufgeklärte West-Europa des 18. Jahrhunderts bekam nur erstmals Fakten statt Gerüchten geliefert. Es waren nun eben keine schaurigen Erzählungen oder die Märchen irgendwelcher Bauern, sondern die sorgfältigen und nüchternen Berichte von Leuten, denen man vertraute: Mediziner und Offiziere. Bei der Flut der nachfolgenden Untersuchungen durch Theologen, Professoren, Geistlichen, Wissenschaftlern und anderen Gelehrten erinnerte man sich an immer weiter zurückliegende Fälle, die dem Vampir zugeschrieben wurden. Aber wir müssen noch weiter zurück als einige Jahrzehnte oder Jahrhunderte vor 1732. Auch wenn wir uns in den folgenden Kapiteln stark auf die osteuropäischen Länder konzentrieren werden, so beginnen wir doch mit einer Reise um den Globus. Überall verstreut in Mythen, Sagen und Religionen stoßen wir dabei auf Wesen, die in einiger Hinsicht mit den Vampiren verwandt zu sein scheinen.

Im antiken Griechenland wusste man von den Lamien, die auf die Göttin Lamia zurückzuführen sind. Weitere Namen für diese Wesen sind Empusen, Striges oder Mormolycien. Der griechische Göttervater Zeus zeugte einst ein Kind mit Lamia, was jedoch Hera, der Gemahlin des Zeus, nicht sonderlich gefiel. In ihrer rasenden Eifersucht ließ sie das Kind umbringen. Aus Zorn über den Verlust ihres Kindes verwandelte Lamia ihr Haar in ein lebendiges Schlangenhaupt (ähnlich wie die Medusa) und begann die Kinder anderer Mütter zu töten. Dabei ging Lamia recht grausam vor, indem die Opfer zunächst gehäutet und anschließend zerstückelt wurden. Die Lamien sind im Gegensatz zu anderen, vampirähnlichen Wesen keine Menschen gewesen, sondern von Geburt an Dämonen. Um ihre Gier nach Blut zu stillen, nehmen sie das Äußere einer besonders schönen Frau oder eines besonders schönen Mannes an, um ihre Opfer anzulocken. In Philostratos’ Erzählung „Die Empuse“ wird von einer schönen Frau erzählt, die den liebestrunkenen Jüngling Menippos in ihrem Bann hat. Lediglich dessen Mentor Apollonios erkennt das wahre Wesen hinter dem hübschen Gesicht. Schließlich gelingt es ihm, die Empuse zu vernichten: „Da er aber doch nicht abließ, sondern in die Frau drang, gestand sie, dass sie eine Empuse sei und den Menippos mit Wollust nähre, um ihn aufzuzehren. Denn sie pflegte schöne und junge Leiber zu speisen, weil ihr Blut frisch und rein war.“(1)

In Schottland erzählte man sich von der Baobhan-Sith. Gemäß den Legenden tritt dieses Wesen in Gestalt einer wunderschönen Frau mit grünen Gewändern und engelsgleichen, blonden Locken in Erscheinung. Die Farbe ihres Kleides weist sowohl auf die Verbundenheit mit dem Wald hin, als auch auf Tod und Verführung. Die Farbe Grün in Verbindung mit schönen Frauen wird von jeher sowohl als geheimnisvoll als auch Unglück bringend geschildert. Durch ihr verführerisches Äußeres stellt sie ahnungslosen Jünglingen, Jägern und Wanderern nach und saugt sie anschließend bis auf den letzten Blutstropfen aus. Eine der vielen Sagen, die sich um die Baobhan-sith ranken, erzählt von vier Jägern, die in einer Waldlichtung übernachten. Da es kalt ist, versuchen sie sich durch Gesang und Tanz aufzuwärmen. Bald tauchen vier zauberhaft schöne Mädchen mit gelockten Haaren und grünen Kleidern aus dem Wald auf, um den Jägern Gesellschaft zu leisten. Diese reagieren ausgesprochen erfreut bis auf Einen, dem die Sache unheimlich ist. Er verzichtet darauf, mit den Mädchen zu tanzen und übernachtet an einem weiter entfernt liegenden Lagerplatz. Als er am nächsten Morgen zurückkommt, findet er seine Kameraden bleich und tot daliegen. Die Baobhan-Sith haben sie bis auf den letzten Blutstropfen ausgesaugt.(2)

Weit weniger ansehnlich als Lamien oder Baobhan-Sith sollen die Jiang Shi sein, von denen man sich in China erzählt. Gemäß den Legenden konnte das „po“, ein Teil der menschlichen Seele, den Körper nicht verlassen wodurch die Jiang Shi entstand. Schuld daran ist wohl das Ausbleiben oder absichtliches Unterlassen einer würdevollen Bestattung des Toten. Über das Erscheinungsbild sind sich die Legenden uneinig: So sollen sie nach der einen Schilderung auch Tage und Wochen nach ihrem Tod noch immer frisch und lediglich blass aussehen. In anderen Schilderungen verwest der Körper nach der Wiederauferstehung allmählich. Je länger ein Jiang Shi existiert, umso abscheulicher wird er aussehen: Blass, schwarze lange Krallen, übler Geruch, wallendes weißes Haar. Da die Totenstarre einsetzt, kann er sich nur ruckartig (oder auch hüpfend) fortbewegen. Je länger ein Jiang Shi ungestört wütet, desto mächtiger wird er und kann sich auch in Löwen oder andere Tiere verwandeln. Die Jiang Shi trinken kein Blut, entziehen ihren Opfern jedoch die „Qi“ (Lebenskraft), da die eigene Energie eines Jiang Shi sehr schnell aufgebraucht ist. Viele Legenden besagen, man solle bei einem Jiang Shi Angriff, dem Wesen Reiskörner oder Münzen vor die Füße werfen, da der Untote davon besessen sei, alle kleinen und glänzenden Gegenstände zunächst zählen zu müssen. Eine Vernichtung ist nur durch einen Exorzismus oder ein heiliges Feuer möglich. In China sind die Jiang Shi ähnlich populär wie in der westlichen Welt die Zombies, Mumien oder eben Vampire. Zahlreiche Horrorfilme verwenden das Motiv der wieder auferstandenen Leichen.

Auf den Philippinen hört man von der Hexe Aswang. Am Tage soll sie das Aussehen einer schönen Frau haben, des Nachts jedoch ist sie ein fliegendes Ungeheuer, das die Menschen aufsucht und mit ihrer langen, dünnen Zunge - die sie durch Ritzen und Löchern in den Dächern der Behausungen schieben kann - das Blut aussaugt. In weiteren Geschichten wird berichtet, dass sich die Aswang Hexe in Tiergestalt, wie beispielweise Katzen, Hunde, Fledermäuse oder Schlangen, zeigt. Auch den Schatten eines Menschen kann sie aufsaugen, worauf dieser bald sterben muss. Sie können durch zwei Zeichen von normalen Menschen unterschieden werden. Zum einen besitzen sie blutunterlaufene Augen, was die nächtelange Suche nach Opfern mit sich bringt (an alle Jäger: Bitte nicht zu vorschnell handeln, es könnte sich auch lediglich um Teenager nach einem Wochenende handeln). Zum anderen erscheint die Bildreflexion, die man in den Augen der Aswang erblickt, angeblich auf dem Kopf stehend. Weiterhin soll man die Anwesenheit einer Aswang mit einer Flasche Öl, gewonnen aus gekochtem Kokosnussfleisch und diversen Pflanzenhalmen, bestimmen: Nähert sich eine Aswang Hexe soll das Öl anfangen zu kochen und zu schäumen. In verschiedenen Regionen der Philippinen wird von ähnlichen Wesen berichtet. Sie werden als Tik-tik oder Wak-Wak bezeichnet. Eine amüsante Abart ist der Agitot oder Sigbin, der im Gegensatz zur Aswang Hexe in Form eines hübschen, homosexuellen Mannes auftritt. Als Schutz gegen eine Aswang Hexe oder einen Agitot gilt das „Buntot Pagi“, eine kleine Stachelpeitsche; das Bildnis eines alten Weibes sowie jedwede Art von silbernen Waffen.(3)

Nicht vergessen werden sollte die Figur Lilith: In summerischen und babylonischen Sagen erscheint sie als kindermordende und blutsaugende Dämonin; im alten Testament der Bibel (Jesaja 34,14) taucht sie als ruinenbezogenes Nachtgespenst auf, während der babylonische Talmud berichtet, sie würde als geflügeltes Wesen Männern auflauern, die alleine in einem Haus schlafen. Am bekanntesten jedoch ist die jüdische Sage, nachdem sie noch vor Eva die erste Frau von Adam gewesen sein soll. Wie Adam wurde Lilith aus Staub erschaffen, war also ihm gleichwertig. Sie verweigerte Adam die Unterordnung (was darauf bezogen wird, dass die gute Lilith scheinbar keinen sonderlichen Gefallen an der Missionarsstellung findet und beim Liebesspiel gerne oben ist) und gemäß der Geschichte „Alphabet des ben Sira“ (9./10. Jahrhundert) verließ Lilith das Paradies.(4) Gemäß einer weiteren Geschichte wird sie später in den Garten Eden zurückkehren: Als die Schlange, die Eva mit den Apfel vom verbotenen Baum der Erkenntnis verführt.

Es gibt noch weitere Wesen, von denen berichtet wird. An der Elfenbeinküste erzählt man sich vom Asanbosam, ein Wesen das im Urwald haust und das Blut aus dem Daumen schlafender Menschen saugt.(5) Eine andere Stelle um an den Lebenssaft zu gelangen nutzt der armenische Berggeist Daschnavar: Er bevorzugt es, armen Wanderern das Blut aus den Füßen zu saugen.(6) In Albanien besonders populär ist der Dhampir, ein Mischwesen gezeugt von einem Vampir und einem Sterblichen. Die reichhaltige, griechische Mythologie erzählt – neben den Lamien, Empusen und Striges – von zahlreichen, weiteren Dämonen, die dafür bekannt sind, das Blut von Menschen zu sich zu nehmen. In persisch-arabischen Ländern erzählt man von Ghoulen, den leichenfressenden Dämonen. Und noch weitere soll es geben: Azeman (Südamerika), Jaracaca (Brasilien), Civateteo (Mexiko), Owenga (Guinea), Revenants (Haiti), Baital Paichisi (Indien), Forsos (Nordaustralien), Vetala und Ràkshasa (Indien), Kasha (Japan)… die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Der Autor Anthony Masters zählt weit über dreißig Arten auf.(7)

Wie man sieht, ist der Mythos von lebenden bzw. wiederkehrenden Toten und blutsaugenden Wesen über die ganze Welt verteilt. Der Autor Klaus Völker hat völlig recht, wenn er in seinem literarischen Bericht behauptet: „Kein Volk der Erde, das nicht seine Gorgonen und Werwölfe, seine Ghoulen und lebenden Toten zu ertragen hatte.“(8)
Schwierig wird es nur, den „klassischen“ Vampir als solches zu erfassen. Ein eindeutiger Ursprung ist nicht eindeutig fest zu legen. Selbst wenn man sich auf die Mythen aus Serbien, Kroatien, Albanien, Rumänien und Bulgarien konzentriert, bekommt man das Gefühl, von unterschiedlichen Wesen zu hören. In den nächsten Kapitel – und das verspreche ihnen – werden Sie den Kopf schütteln, werden schmunzeln und auch schockiert sein. Und das Schlimmste von allen: Sie werden danach überall Anzeichen von Vampiraktivitäten sehen.



Einzelnachweise

1 Philostratos „Die Empuse“, zitiert nach der Anthologie „Von denen Vampiren“, 1968, S. 11-13

2 Norbert Borrmann, „Lexikon der Monster, Geister und Dämonen“, 2000

3 Markus Heitz „Vampire! Vampire! “, S. 16

4 Friedhelm Schneidewind, “Das Lexikon rund ums Blut”, 1999, S. 195-197

5,6 Norbert Borrmann, „Vampirismus oder Sehnsucht nach Unsterblichkeit“, 1998, S. 42

7 Anthony Masters, „The Natural History of the Vampire“, 1972, S. 47-64

8 Klaus Völker „Literarischer Bericht“ in der Anthologie „Von denen Vampiren“, 1968, S. 534

Weitere, zu Rate gezogene Literatur

Gerhard Fink, „Who’s who der antiken Mythologie”, 1998
Gustav Schwab, „Sagen des klassischen Altertums“, 2010
Nicolaus Equiamicus, „Vampire: Von damals bis(s) heute“, 2010
Richard Wilhelm (Hrsg.), „Chinesische Märchen“, 1990
„Märchen und Sagen: Eine Readers Digest Sammlung“, 1969
Meyer’s Großes Konversationslexikon, 6. Auflage 1909 (CD-Rom 2005)



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